Besuch in der Waldorfschule Neuenrade am
11.02.2004
Als wir am Anfang der
Jahrgangsstufe 13 gemeinsam im Kurs die Themeninhalte dieses Jahres besprachen,
entschieden wir uns schnell dafür, dass wir das Thema Waldorfschule nicht nur
theoretisch, sondern auch praktisch erleben wollten. Da bot es sich natürlich an, die
Waldorfschule in Neuenrade zu besuchen.
Bevor ich allerdings von unseren
persönlichen Erfahrungen und Eindrücken berichte, möchte ich Ihnen einen kleinen
Überblick über Waldorfschulen verschaffen.
Die erste Waldorfschule wurde 1919
von Rudolf Steiner in Stuttgart gegründet.
Ihre
Ziele liegen darin, die kreativen und schöpferischen Kräfte des Kindes wecken und zur
Entfaltung zu bringen, das bedeutet also, dass das Kind lernt, künstlerisch tätig zu
werden und so eigene Ideen und Vorstellungen zu entwickeln. Die Waldorfpädagogik hilft
die Persönlichkeit der Schüler, ihre kreativen Fähigkeiten und soziale Kompetenzen zu
fördern und handwerkliches Geschick auszubilden. All dieses können die Kinder in den
Fächern Handarbeit, Werken und Gartenbau umsetzen. Auch auf die Musik und die
Bewegungskunst (Eurythmie) wird an Waldorfschulen sehr viel Wert gelegt, da die Förderung der künstlerischen
Beweglichkeit des Körpers als die beste Grundlage für die Entwicklung geistiger
Beweglichkeit angesehen wird.
Die Waldorfschule bietet eine
gemeinsame und einheitliche Bildung, die unabhängig von sozialer
Herkunft und Begabung ist. Sie ist eine Einheitsschule für Kinder verschiedener
Gesellschaftsschichten und bietet eine Chancengleichheit für alle.
An Waldorfschulen durchlaufen alle
Schüler 12 Jahre ohne Sitzenbleiben, d.h.
leistungsschwächere Schüler
werden nicht aus der Klassengemeinschaft herausgerissen, sondern durch ein Lernen
Miteinander in der Klassengemeinschaft gefördert.
Des Weiteren
charakterisiert sich die Waldorfschule durch eine Pädagogik der Förderung: Fremdsprachen
ab der ersten Klasse, Epochenunterricht (Hauptunterricht), ausführliche Textzeugnisse
statt Noten, Verbindung von allgemeiner und beruflicher Bildung.
Unterricht
Der Unterricht an Waldorfschulen
lässt sich in drei Bereiche einteilen:
Der Hauptunterricht wird von dem
jeweiligen Klassenlehrer unterrichtet und liegt in den ersten beiden Stunden. Als Epoche
und über einen Zeitraum von ca. 3- 6 Wochen werden naturwissenschaftliche Fächer,
Geschichte, Deutsch, Erdkunde usw. unterrichtet, was den Vorteil hat, dass die Schüler
sich konzentrierter und intensiver mit einem Thema auseinandersetzen können.
Wirtschafts- und Technik- Unterricht, Musik und Eurythmie)
3. Nachmittagsunterricht (z.B. Gartenbau)
Bereits
ab der ersten Klasse beginnt der Fremdsprachenunterricht mit Englisch/ Russisch oder
Englisch/ Französisch.
Ab der Klasse 9 beginnt an der Waldorfschule die Oberstufe und die Schüler werden
nicht mehr von ihrem Klassenlehrer, sondern von einem anderen Fachlehrer in ihrem
Epochenunterricht unterrichtet. Am Ende der Klasse 12 können die Schüler verschiedene
Abschlüsse erwerben und bei entsprechender Eignung die Abiturvorbereitungsklasse besuchen
und so ihr Abitur machen.
Es gibt keine Lehrbücher im
herkömmlichen Sinne, sondern die Schüler fertigen sogenannte Epochenhefte an, die sie
selbst nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten.
In den jährlichen Zeugnissen
werden keine Noten vergeben, sondern sie gleichen schriftlichen Beurteilungen, die die
Fortschritte und die Bemühen eines jeden Schülers in jedem Fach dargestellt.
Das Lernen ist am
Anfang gedanklich noch nicht abstrakt, sondern bildhaft. Daher werden z.B. Buchstaben aus
künstlerisch gestalteten Bildern herausgearbeitet.
Beim Lesenlernen hat
jeder Vokal seine eigene Farbe und ergibt so Worte, dann wird jedes Wort in kleine
Abschnitte gegliedert und so das Lesen erleichtert. Jedes Kind schreibt auch mit
Farbstiften in die Epochenhefte.
Waldorfschulen sind
freie Schulen und erhalten weniger finanzielle Unterstützung als staatliche Schulen,
deshalb sind die Schulen auf monatliche Elternbeiträge, die vom Einkommen abhängig sind,
angewiesen. Diese Summe wird nach Absprache
festgelegt, damit den Kindern ein Schulbesuch aus finanziellen Gründen nicht versagt
bleibt.
Die Freie Waldorf-Dorfschule
Neuenrade ist noch im Aufbau und umfasst daher die Klassen 1- 7.


Die Schule lehrt bereits ab der
ersten Klasse die Fremdsprachen Englisch und Französisch und setzt auf handwerkliche und
künstlerische Entfaltung. Nach 12 Jahren führt auch sie zu einem staatlich anerkannten
Schulabschluss.
Als nächstes möchte
ich von unseren Erlebnissen in der 2./3. Klasse berichten.
Bevor der Unterricht um
08.00 Uhr mit dem Hauptunterricht beginnt, nimmt sich die Klassenlehrerin/ der
Klassenlehrer die Zeit, um jedes Kind persönlich zu begrüßen. Nach der Begrüßung
haben ein paar Kinder die Möglichkeit, von persönlichen Geschichten von zu Hause bzw.
die sie am Vortag erlebt haben, ihren Mitschülern und der Lehrerin zu erzählen. Zudem
wird am Vortag immer bestimmt, welche Kinder am nächsten Tag ihren Zeugnisspruch, der die
Kinder charakterisieren soll, aufsagen. Dies wird nach den Wochentagen, an dem die Kinder
geboren sind, entschieden, d.h., mittwochs sagen die Mittwochskinder ihren Spruch auf.
Wie oben schon erwähnt, fertigen
die Schüler im Epochenunterricht eigene Hefte an, hier nun ein paar Bilder der
Epochenhefte der 2. und 3. Klasse zum Thema Schöpfung:
An Waldorfschulen werden keine
Arbeiten geschrieben, allerdings wird zwischendurch anhand von Tests der Lernstand der
Schüler abgefragt. Die Tests werden jedoch nicht benotet, sondern dienen primär dem
Lehrer als Information.
Die Schüler kommen aus allen
sozialen Schichten und nicht wenige von ihnen leiden unter Leistungsstörungen wie z.B.
ADS oder Dyskalkulie (Rechenschwäche). Diese Kinder sind zwar auch gut, aber langsamer
als andere Kinder und würden deshalb durch andere Systeme hindurchfallen. Für diese
Kinder werden spezielle Tests angefertigt, um auch ihre Leistungen zu fördern.
Es besteht nicht nur ein vertrautes
Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, sondern auch zwischen Lehrern und Eltern. Der
Lehrer nimmt sich Zeit, um die Schüler zu Hause zu besuchen und so etwas über ihr
soziales Umfeld zu erfahren; zudem kommt es zu gelegentlichen Treffen (Frühstücken) und
dem Mitwirken von Eltern in zahlreichen Bereichen der Schule.
Beispiel Stundenplan
1. Klasse
|
Montag |
Dienstag |
Mittwoch |
Donnerstag |
Freitag |
1 |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
2 |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
3 |
Englisch |
Turnen |
Ha |
Musik |
Ha |
4 |
Eurythmie |
|
|
|
Rechnen |
|
|
|
|
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|
2./3. Klasse
|
Montag |
Dienstag |
Mittwoch |
Donnerstag |
Freitag |
1 |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
2 |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
Hauptunterricht |
3 |
Lesen |
Übstunde |
Englisch |
Englisch |
Übstunde |
4 |
Englisch |
Französisch |
Musik |
Musik |
Rechnen |
5 |
Werken |
Turnen |
|
Eury/Handarbeit |
|
6 |
Werken |
|
|
Eury/Handarbeit |
|
|
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Im abschließenden Gespräch mit
zwei Schülerinnen der zweiten Klasse haben wir erfahren, dass sie die Waldorfschule der
staatlichen Grundschule jederzeit vorziehen würden. Sie fanden die Klassen mit 32
Schülern zu groß und es wurde deutlich, dass viele Leute der Waldorfschule noch immer
mit Vorurteilen gegenüberstehen, denn selbst einige Grundschullehrer denken, dass die
Waldorfschule eine Schule für dumme Kinder ist.
Ich persönlich denke, das wir von
der Waldorfschule sehr positiv überrascht waren, da wir vor unserem Besuch nur schwer
nachvollziehen konnten, dass eine Schule, in der komplett auf Noten und Klausuren
verzichtet wird, den Kindern mehr geben kann, als es staatliche Schulen tun.
Leute, die noch immer nicht von der
Waldorfschule überzeugt sind oder Eltern, die eventuell in Erwägung ziehen, ihr Kind auf
eine Waldorfschule zu schicken, können sich auch auf der Internetseite www.waldorf-neuenrade.de informieren.
Abschließend möchten wir uns noch
bei Frau Holtkemper und den anderen Lehrern für die herzliche Aufnahme und den tollen Tag
bedanken!!!!
Anna Diamantides




